Geschichte Nr. 7:


ARNOLD SCHÖNBERG & HANS WINTERBERG
PETER KREITMEIR & RANDY SCHOENBERG



Im Sommer 1914 war der berühmte Komponist Arnold Schönberg zu Besuch bei Wassily Kandinsky und Gabriele Münter in Murnau, meiner Heimatstadt. Er war ein österreichisch-amerikanischer
Komponist, der aus einer Wiener jüdischen Familie stammte. Vom 4. Juli bis 9. August verweilte Schönberg bei dem Vermieter Steib (Quelle: Marktarchiv) in der Seidlstraße 6 (heute Ostermannweg 2). In dieser Zeit begann der 1. Weltkrieg nach dem Attentat von Sarajevo mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien also vor gut 100 Jahren.

Zeugnis über einen durchaus regen Schriftverkehr in dieser Zeit, gibt uns der Briefwechsel zwischen Kandinsky und Schönberg, nachzulesen im Kulturführer des Schloßmuseums Murnau oder nachzuhören auf einer CD der "Briefzeugnisse einer außergewöhnlichen Begegnung" mit Christian Brückner und Dietmar Schönherr, die bei dieser Aufnahme, Kandinsky und Schoenberg ihre Stimmen geliehen haben.

Mein Großvater Hans Winterberg war ein deutscher Komponist, der aus einer Prager jüdischen Familie stammte und bis zu seiner Emigration nach Bayern 1947, die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit
besaß. In Rumburg in Nordböhmen hatte meine Familie eine Textilproduktion mit dem Namen "Fröhlich & Winterberg", eine Tuchfabrik, die 1938 von den Nationalsozialisten konfisziert und arisiert wurde. Im deutschen Sprachgebrauch wird oft unter Nordböhmen, der einst überwiegend deutsch besiedelte Teil des Sudetenlandes im Norden Tschechiens zwischen Karlsbad im Westen und dem Riesengebirge im Osten bezeichnet.

Mein Großvater überlebte den Holocaust und kam nach seiner Internierung im Ghetto Theresienstadt und seiner Emigration aus der Tschechoslovakei in den Münchner Raum, wo seine Tochter also meine Mutter, meinen Vater kennenlernte. Mein Vater ließ sich sehr früh wieder scheiden und ich wuchs bei ihm auf, so dass ich keinen Kontakt zu meinem Großvater mütterlicherseits aufbauen konnte.


Deportationskarten
Deportations- Transportkarten von Hans Winterberg und seiner Mutter Olga Winterberg.
1. Transport nach Theresienstadt, 2. Transport von Olga nach Maly Trostinec am 4.8. 1942.
Hans überlebte "PREŽIL" in Theresienstadt "TEREZIN".


Bei meinen forwährenden Nachforschungen, stieß ich im internet, bei der Suche nach der Wortkombination "Olga Winterberg", auf eine genealogische Seite, eine website, die mit tausenden Stammbäumen gefüllt ist. Dort begann zu meiner Überraschung der Stammbaum bei meiner Urgroßmutter Olga. Die Winterbergsche Linie kann ich dort nun bis etwa 1650 zurückverfolgen.

Wer pflegte diesen Stammbaum ein? Es stellte sich bald heraus, dass Eric Randol Schoenberg, der Enkel von Arnold Schönberg, die Daten meiner Vorfahren einpflegte. Er ist der Enkel der österreichischen Komponisten Arnold Schönberg und Erich Zeisl. Schon im Alter von 8 Jahren begann er Stammbäume zu bauen und sich intensiv mit Genealogie also Ahnenforschung zu beschäftigen. Bekannt wurde er durch den Fall um Maria Altmann. Bei dem Rechtsstreit zwischen Altmann und der Republik Österreich setzte er die Rückgabe von fünf Gemälden von Gustav Klimt, die der Familie in der NS-Zeit genommen wurden, durch.

Randy Schoenberg zeigt in seiner Arbeit bei geni.com auf, dass es viele Verbindungen gibt auch zwischen seinen und meinen Vorfahren. Im Juli 2014 war Randy Schoenberg in Wien zu Dreharbeiten über den Fall Maria Altmann, ein Film von Simon Curtis mit Helen Mirren & Ryan Reynolds. Das Drama hat den Titel "The Woman in Gold" und kam 2015 in die Kinos. Leider konnte Randy Schoenberg nicht nach Murnau kommen, da er zu beschäftigt war. Ich hoffe aber dass er ein anderes mal an den Staffelsee kommt, wie damals sein Großvater vor über 100 Jahren.

SPURENSUCHE

Meine Spurensuche nach meinem Großvater Hans Winterberg (geb. 1901 - gest. 1991) und somit die Suche nach meinen Wurzeln mütterlicherseits, begann im Jahr 2011. Da ich ausschließlich bei meinem Vater ausfwuchs, wusste ich bis dahin so gut wie nichts von meinem Großvater. All mein Wissen über ihn begann mit umfangreichen Recherchen im Internet. Daraus ergaben sich dann auch Einblicke in verschiedenen Publikationen bzw. Bücher mit Informationen über den Komponisten Hans Winterberg. Da er beim Bayerischen Rundfunk arbeitete, war er dort somit an prominenter Stelle und wurde auch publiziert.

Die ersten gedruckten Informationen erhielt ich mit dem Lexikon zur Deutschen Musikkultur, herausgegeben vom Sudetendeutschen Musikinstitut 2002. Dort steht u.a. zu lesen: "Ende 1944 noch kam er ins Konzentrationslager Theresienstadt und, aufgrund seines Bekenntnisses als Sudetendeutscher, blieb er hier nach dem 8. Mai 1945 von den Tschechen weiter interniert. 1947 wurde er ausgewiesen."

Fakt ist, dass Hans Winterberg am 26. Januar 1945 von Prag in das Ghetto Theresienstadt verbracht wurde - Quelle: Deportations-Karte in der Jüdischen Gemeinde von Prag. Hans Winterberg wurde zudem nicht von den Tschechen weiter interniert. Bei der Volkszählung 1930, auf die die Tschechen hierzu Bezug nahmen, gaben alle Mitglieder der Familie Winterberg als Nationalität / Umgangssprache tschechisch und als Religion jüdisch an.

Grab Rudolf Winterberg
Wiederentdeckung des Grabes von Rudolf Winterberg, dem Vater von Hans Winterberg.
Neuer Jüdischer Friedhof in Prag/Žižkov 2015


Hans Winterberg stellte vielmehr 1946 einen Antrag auf einen Reisepass. Dem Antrag beigefügt ist ein Brief von Dr. Sramek vom Ministerium für Schulerziehung und Aufklärung an das Aussenministerium. Dort heisst es, das Ministerium bestätige, dass der Komponist H. W. eine Auslandsreise unternehmen will, um nach seinen handschriftlichen Kompositionen zu suchen, die er vor dem Weggang ins Konzentrationslager Terezin in verschiedene europäische Staaten verschickt hatte. Im Auftrag des Ministers wird deshalb empfohlen, dem Genannten einen für alle europäischen Staaten gültigen Reisepass auszugeben.

Hans Winterberg schreibt selbst am 21. März 1956 an die Künstlergilde Eßlingen: "...Im Jahre 1947 nach Deutschland emigriert..." also nicht ausgewiesen oder vertrieben.

In Publikationen des Bayerischen Rundfunks wird ausschließlich über sein musikalisches Schaffen berichtet, wie z.B. im Komponisten-Portrait Hans Winterbergs von Alfons Ott, dem Bibliotheksdirektor der Münchner Stadtbibliothek, vom 31. März 1965 wo Winterberg ausgiebig gewürdigt wurde. Demgegenüber wiederholte Heinrich Simbriger, der in Regensburg das Musikarchiv der Künstlergilde - heute Sudetendeutsches Musikarchiv - aufbaute, in seinen Veröffentlichungen zu Hans Winterberg mehrmals: "Dennoch zögerte er, als man ihn 1945 aus dem Lager Theresienstadt befreite, keinen Augenblick, sich als Deutscher zu bekennen und damit das Schicksal der Vertreibung aus der alten Heimat auf sich zu nehmen. Er wurde nach Bayern ausgesiedelt..." Aus "Der Komponist Hans Winterberg, Sudetendeutscher Kulturalmanach V".

Ich komme zu dem Ergebnis, dass mein Großvater Hans Winterberg natürlich kein Sudetendeutscher, sondern ein Prager Jude war. Hans Winterberg hatte nie einen Grund oder Anlass sich als "Deutscher" zu bekennen. Warum auch? Drei Völker, das tschechische, das deutsche und das jüdische, lebten jahrhundertelang miteinander in den böhmischen Ländern. Alle Vorfahren von Winterberg und ich kann diese dank Eric Randol Schoenbergs - Enkel des Komponisten Arnold Schoenberg - genalogischer Arbeit, bis etwa 1650 nachweisen, waren ausschließlich Juden, die seit dem 11. Jahrhundert entlang der ältesten Fernhandelsstraßen angesiedelt waren. Die Juden kamen offenbar als Fernkaufleute in die böhmischen Länder. Also war Hans Winterberg explizit kein deutscher(!) Jude. Welche Verbindung sollte Hans Winterberg zum deutschen Volk gehabt haben, ausser der Sprache und der Kultur. Diese Verbindung hatte er aber auch zur tschechischen Kultur, was aus seinem musikalischen Werk durchaus herauszuhören ist. Er bekannte sich wiederholt zum Universalismus als "eine Art Brücke zwischen der Westkultur (also auch der deutschen) und der des Ostens" (Sudetendeutsches Musiklexikon 2000).

Tonbaender
Tonbänder mit Aufnahmen der Musik von Hans Winterberg.

Hans Winterberg hatte Verbindungen zur Sudetendeutschen Landsmannschaft. 1963 hat er den Sudetendeutschen Anerkennungspreis erhalten. Unterzeichner dieses Preises war der Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft, der damalige Bundesminister für Verkehr Dr. Ing. Hans Christoph Seebohm. Er war zuletzt für wenige Wochen auch Vizekanzler. Hans Winterberg war zuletzt mit einer nichtjüdischen Frau aus Tetschen-Bodenbach verheiratet, die man durchaus zu den sog. Sudetendeutschen zählen könnte. "Sudetenland" und "Sudetendeutsche" sind dennoch politische Kampfbegriffe, die um 1900 auftauchen und auf den Begriff Sudetes Montes aus dem Mittelalter zurückgehen. Dieser wiederum bezieht sich auf die Grenzgebirge Böhmens. Prag und seine Einwohner gehören naturgemäss nicht hinzu, aber sudetendeutsche Aktivisten haben immer versucht, sie einzubeziehen, um das Prager Deutschtum für die sudetendeutsche Sache einzunehmen bzw. um nach dem Krieg eine gewisse Liberalität zu demonstrieren, indem man die früher bekämpften Juden quasi eingeheimst hat. So kam auch Kafka zu der zweifelhaften Ehre, manchmal im Pantheon berühmter Sudetendeutscher aufzutauchen. (Quelle: Petr Brod Journalist, Prag)

Bei meinem Grossvater kennen wir nur einige Tatsachen - amtliches Bekenntnis zum Tschechentum bis 1945, gleichzeitig kulturelle Identität als Deutscher, ausgedrückt durch seine öffentliche Tätigkeit, u. a. im Neuen Deutschen Theater.

Die Umstände seiner Übersiedlung nach Bayern sind mir nach wie vor unklar, ergibt sich doch aus den Unterlagen, dass er noch im Frühjahr 1946 nicht von der Vertreibung bedroht war, ja sogar Aussicht auf einen tschechoslowakischen Reisepass hatte. Noch konnte ich nicht herauszufinden, ob er ihn tatsächlich bekommen hat und ob er die Reise durch Westeuropa unternommen hat. Ebenso ist mir sein Status bei der Ankunft in Bayern unklar. Völlig fehlerhaft aber amtlich ist ein internes Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums des Inneren an die Regierung von Oberbayern in einer Abschrift vom Landratsamt Landsberg von 1950: Die Volkszählung war 1930 nicht 1929. Die Mitglieder der Familie Winterberg waren keine jüdischen Bürger deutscher Nationalität und sie bekannten sich beim Zensus 1930 auch nicht zum Deutschtum, wie in dem Schreiben behauptet wird.

In seinen späteren Jahren hat er sich wohl zumindest damit abgefunden, als Sudetendeutscher präsentiert zu werden, was wohl auch seine Lage in Bayern erleichtert hat. Ich weiss nicht, wie der tschechische Jude Hanus Winterberg dort reüissieren würde und wie ihn sein potentielles sudetendeutsches Publikum aufgenommen hätte. Zudem waren in Bayern auch seine geschiedene Frau Maria Maschat und die gemeinsame Tochter Ruth - meine Mutter und beide katholisch - gestrandet...
top

BUCHDECKEL