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"Ich bin so wild nach Deinem Erdbeermund"

Die Lasterhaften Balladen des Francois Villon
vorgetragen von Wilhelm Manske

Wilhelm Manske
Wilhelm Manske

Ein Kerl aus Dreck und Seide – Er säuft, hurt, besingt seine Freudenmädchen, brüllt sein Unglück heraus, beschreibt die Welt aus der Galgenperspektive und wiegt im nächsten Augenblick ein verirrtes Mäuschen zärtlich in den Händen. Francois Villon – der Delinquent, der bereits vor 500 Jahren zum Tode verurteilt und später begnadigt wurde. Er hat einen Priester totgeschlagen, gehörte einer Diebesbande an, war lebensbegierig und ist todesängstlich durch kurze 34 Jahre gerast. Seit dem Jahre 1463 ruht er "im eigenen Dreck".

Francois Villon – Vagant und Poet, der Mann, der "sich den Wind zur Wohnung nahm". Geblieben sind sein "Großes Testament", seine Balladen, die der Schauspieler Wilhelm Manske und der Jazzguitarrist Michael Sagmeister vom Belletristik-Regal rissen und schlicht und einfach explodieren ließen.

SZ: Die Sprengstoffmischung war genial: Ein baumlanger, rauher Landsknecht in Lederjacke, Jeans und T-Shirt frisch aus der nächsten Fernfahrerkneipe auf die Bühne gedonnert, und dazu, nein: mit ihm die einzige Musik unserer Tage, die so wild und zärtlich am Leben ist wie Villon und seine Verse: der Jazz.

Willi Manske dachte Gott sei Dank nicht im Traum daran, seinen Villon mit einem Rezitationsabend ("womöglich noch bei zeitgenössischer Musik") zu domestizieren. Ohne je einen Text abzulesen sprang er seinem Publikum buchstäblich mitten ins Gesicht, setzte sich einzelnen Zuhörer gegenüber und knallte, schrie, schmeichelte und schmierte ihnen die wüsten und die sanften Verse des französischen Vaganten um die Ohren... und wenn man sich mittendrin wundert, warum diese Töne fast schmerzlich tief drangen, dann hörte man plötzlich den anderen: den Jazzguitarristen Michael Sagmeister, der - im ständigen Blick - und Hörkontakt mit dem Sprecher - die Verse Villons mit rasenden erzählerischen Stakkatos vorantrieb.

Dienstag 11.12.2001 um 20 Uhr, DM 22.-

Der ewige Spießer
von Ö. v. Horváth
Lesung zum 100. Geburtstag mit Wilhelm Manske

Ödön von Horvárths Spießer tauchen in den verschiedensten Personifizierungen auf. Sie verraten sich durch ihre Monologe, und sie wissen über alles Bescheid. So wissen sie auch, ohne nachzudenken, was gut ist und was böse ist, - und vor allem, was sie sich selber schuldig sind: eine doppelte Moral. Eine, die sie sich selber zugestehen, und eine andere, die sich für andere eignet.

Hermann Kesten schrieb über den 1930 erschienenen Roman Der ewige Spießer: "Horváth ist ein sehr witziger Erzähler, ein satirischer Beobachter der mittleren Gemeinheiten der mittleren Existenzen unserer mittleren Großstädte. Er erzählt innerhalb ganz einfacher Fabeln eine Fülle reizender, manchmal grotesker, scharf und treffend beobachteter, immer lustiger Anekdoten."

"St. Nicolas" am 4. März 2002 um 20:00 Uhr, € 11.-

Seelen-Striptease eines Zynikers

Guter Text, starker Schauspieler, doch kaum Zuschauer. In etwa so könnte man das Gastspiel des Münchner Schauspielers Willi Manske im Saarbrücker "Theater im Viertel" umschreiben. So musste Conor McPhersons Monodram "St. Nicolas" vor einer Minikulisse über die Bühne gehen. Eigentlich müsste man sagen "vor die Bar gehen", denn fast die gesamte Aktion geht von der Bar aus, die Bühne blieb weitgehend leer.

"St. Nicolas" ist der Monolog eines zynischen Theaterkritikers, den das Leben und auch der Theaterbetrieb anwiedert. Es ist eine Auftragsarbeit, die McPherson für das Londoner "Bush Theatre", eines der kreativsten der britischen Theater schrieb. Im Kern ist "St. Nicolas" eine Variation des Doppelgängermotivs. Der desillusionierte Theaterkritiker trifft in seiner in einer Lebenskrise auf den Vampir William. Er erkennt in ihm ein Wesen, das sich nach einem Gewissen sehnt, aber Gefühle nur vorspielt.

Geläutert durch die Begegnung mit einem Teil seines Ichs beginnt er am Ende des Stücks ein neues Leben. Das Stück besteht also aus zwei Stil-Lagen: einerseits der Seelen-Striptease des Helden, andererseits eine Schauergeschichte.

Willi Manske findet sich sehr gekonnt in beides ein. Er überzeugt als der dauerbesoffene Theaterkritiker, der sich nach allen Regeln der Kunst über sein Leben auskotzt. Genauso gut ist er aber auch als fantastischer Erzähler, der von der Faszination berichtet, die v on einem Vampir ausgeht. So entsteht das beeindruckende Portrait eines Zynikers.

Aus der Saarbrücker Zeitung vom 27. 11. 2000


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